Listeners:
Top-Hörer:
AllgäuHIT
play_arrow
AllgäuHIT-Kaffeeklatsch: mit Rebecca Simoneit-Barum vom Zirkus Charles Knie
play_arrow
„Rund um“ in Lindau am Bodensee: Ein Segelrennen mit Tradition und Flair Thomas Häuslinger
play_arrow
„Rund um“ in Lindau am Bodensee: Ein Segelrennen mit Tradition und Flair Thomas Häuslinger
Die Ausstellung „KÖRPERWELTEN & Der Zyklus des Lebens“ ist erstmals im Allgäu zu sehen: Seit dem 10. Juli 2026 macht sie Station in der bigBOX Allgäu in Kempten. Gezeigt werden zahlreiche echte menschliche Körper, die im Rahmen des Körperspende-Programms des Instituts für Plastination in Heidelberg nach dem Tod freiwillig zur Verfügung gestellt wurden. Wir haben mit dem Philosophen Prof. Dr. Franz Josef Wetz über die Ausstellung gesprochen – ebenso wie mit zwei Menschen, die ihren Körper nach ihrem Tod den Körperwelten zur Verfügung stellen möchten. Hier gibt es die Gespräche zum Nachlesen.

Herr Prof. Dr. Wetz, Wie wird sichergestellt, dass die Ausstellung ethisch vertretbar und würdevoll umgesetzt wird? Schließlich gibt es dazu auch kritische Stimmen.
Prof. Dr. Wetz: „Der Begriff der Würde wird ja gerne gegen die Ausstellung wie ein Joker gezogen, ohne dass man näher bestimmt, was das eigentlich ist. Aber man muss die Würde gewissermaßen an bestimmten Punkten festmachen. Und da kann man zeigen, dass die Würde in der Ausstellung geachtet wird. Erstens liegt die Freiwilligkeit der Spender vor. Das Zweite ist: Der Respekt vor dem typisch Menschlichen wird gewahrt. Es werden sozusagen aus den Körperteilen keine Schüsseln, Kleiderständer oder Ähnliches produziert, sondern der Mensch wird als Mensch dargestellt. Das Dritte ist: Die Privatsphäre der Spender wird durch die Anonymisierung der Plastinate geachtet. Und das Vierte, und das ist für mich das Wichtigste, ist das Besucherverhalten. Die Menschen gehen achtungsvoll durch die Ausstellung. Menschenwürde lebt ja von der Achtung vor der Würde. Und durch ihre Achtung bezeugen die Menschen gewissermaßen die Würde der Plastinate und zeigen dadurch, dass die Ausstellung wirklich eine würdige Veranstaltung ist. Das wundert einen auch nicht. Einmal, weil man ja in den Plastinaten sich selbst begegnet und so eine Art Selbstbetrachtung ohne Spiegel stattfindet. Es ist schlechterdings unmöglich, den zerbrechlichen Voraussetzungen der eigenen Existenz auf eine frivole Weise zu begegnen. Und das Zweite ist eben das Setting der Ausstellung. Der Rahmen der Ausstellung ist sehr ernst, sehr würdig, sehr ehrfurchtgebietend. Durch die schwarzen Wände wird den Plastinaten eine wirklich schöne Plattform geboten. Und das trägt zur Seriosität der Ausstellung und damit auch zur Würde der Ausstellung bei.“
Wenn wir gerade schon bei den Besuchern sind: Hat sich im Laufe der Jahre irgendetwas am Verhalten der Besucher verändert oder daran, wie sie die Ausstellung wahrnehmen?
Prof. Dr. Wetz: „Das ist eine wirklich sehr interessante Frage, die man eindeutig mit Nein beantworten kann. Von Anbeginn waren die Menschen in dieser Ausstellung sehr ruhig. Sie gehen sehr besinnlich, sehr nachdenklich und sehr interessiert an den Plastinaten durch die Ausstellung. Das zeigt sich auch daran, dass man im Grunde nie besonderes Aufsichtspersonal benötigte, um etwa Schulklassen zur Ruhe zu gemahnen. Das muss man sich in unserer heutigen, lärmigen Zeit einmal vor Augen führen: Hier gehen wirklich viele Schulklassen durch diese Ausstellung und trotzdem geht es immer ziemlich ruhig zu, ohne dass die Lehrer die Schüler ständig zur Ruhe mahnen müssen. Und das hängt einfach damit zusammen – nicht etwa, dass die Ausstellung den Menschen das Gruseln lehrt und sie deshalb so ernst, so blass und so besinnlich sind. Nein, sondern weil sie tatsächlich auf eine einzigartige, neuartige Weise mit dem eigenen Körper konfrontiert werden.“
Gibt es denn besondere Schwerpunkte in der Ausstellung hier in Kempten? Es gibt ja mehrere Ausstellungen gleichzeitig. Wird hier auf etwas Besonderes Wert gelegt?
Prof. Dr. Wetz: „Alle Ausstellungen zeigen den Menschen und seine Entwicklung komplett. Die Ausstellung in Kempten trägt ja die Überschrift „Zyklus des Lebens“. Sie hat den Schwerpunkt, das Leben von der befruchteten Eizelle bis zum Todesprozess gewissermaßen nachzuzeichnen. Wir können hier die verschiedenen Stufen unseres Lebens nachverfolgen, immer wieder verbunden mit der, ich will nicht sagen Aufforderung, sondern eher der Empfehlung oder Anregung, auf den eigenen Körper Rücksicht zu nehmen und ihn zu pflegen. Er ist sozusagen das Kapital unseres Daseins. Wir leben mit unserem Körper manchmal so, als könnten wir mit ihm umgehen wie mit irgendwelchen Sachgegenständen. Das ist dumm, so zu verfahren. Unser Körper verdient unsere fürsorgliche Pflege, weil er die Grundlage und der Inbegriff unseres Lebens ist.“

Was hat Sie denn dazu bewegt, dass Sie sich dafür angemeldet haben, Ihren Körper der Ausstellung zur Verfügung zu stellen?
„Also, mir geht es gar nicht sonderlich um das Sich-Ausstellen-Lassen. Ich bin Pragmatiker und habe schon vor sehr vielen Jahren für mich entschieden, dass ich nicht wüsste, warum ein toter Körper unter der Erde liegen soll. Er kann sinnvoll genutzt werden. Ich habe mich damals bei den Unikliniken informiert, ob sie meinen Körper vielleicht für die Ausbildung der Studenten gebrauchen können. Ich bin selber ein sehr neugieriger Mensch und mich hat immer interessiert: Wie funktioniert mein Körper? Ich habe bei meiner arthroskopischen Knie-OP auf dem Monitor zugeschaut, weil ich sehen wollte, wie es in meinem Knie aussieht. Es ist schließlich mein Körper, und mich interessiert das sehr. Deshalb habe ich gesagt: Ich möchte auch dazu beitragen, dass andere Menschen lernen, etwas sehen und sich informieren können. Ende der 90er-Jahre habe ich dann von den Körperwelten erfahren, mich informiert und gesagt: Das ist genau das, was ich perfekt finde. Dann habe ich mir eine Ausstellung angeschaut und gesagt: Das ist der Hammer. Einfach das zu sehen, anfassen zu können und nicht nur Bilder oder irgendein Plastikmodell. Hier sind tatsächliche Körper. Da kann man sehen, was im Körper vor sich geht, wie er aussieht und wie er sich in der einen oder anderen Situation verändert. Das fand ich einfach so genial, dass ich gesagt habe: Bitte, bitte, bitte benutzt meinen Körper und zeigt den Leuten, wie es wirklich ist.“
Haben Sie mit Ihrer Familie darüber gesprochen? Und wenn ja, wie waren die Reaktionen?
„Ja, natürlich habe ich mit meiner Familie darüber gesprochen. Tatsächlich ist es so, dass meine Familie mich schon seit meiner Geburt kennt. Insofern wissen die ganz genau: Ich mache sowieso, was ich will. Die meisten standen dem wertneutral oder positiv gegenüber. Natürlich kam auch die Frage aus eher traditionellen Gründen: „Ja, aber wenn wir dann kein Grab haben, wo wir hingehen können?“ Dann habe ich gesagt: Kinder, wenn ihr ein Grab braucht, um euch an mich zu erinnern, dann tut mir das wirklich leid. Dann können wir es auch gleich sein lassen. Entweder habt ihr mich im Herzen oder eben nicht. Und wenn ihr einen Ort braucht, an den ihr gehen könnt, dann stellt eine Kerze ins Fenster und schaut sie an.“

Was hat Sie denn dazu bewegt, Körperspender für Körperwelten zu werden?
„Mir ging es darum, dass nach meinem Tod niemand eine Belastung hat und dass entsprechend keine Kosten entstehen. Das war eigentlich der Grundgedanke.“
Haben Sie mit Ihrer Familie darüber gesprochen? Und wenn ja, wie waren die Reaktionen?
„Das ist ganz normal aufgenommen worden. Denn ob ich irgendwo begraben oder verbrannt werde, kommt ja letztlich auch nichts anderes dabei heraus. So gibt es wenigstens noch eine sinnvolle Verwendung – so sehe ich das.“
Die Ausstellung „KÖRPERWELTEN & Der Zyklus des Lebens“ kann noch bis zum 11. Oktober 2026 in der bigBOX Allgäu in Kempten besucht werden.
Geschrieben von: Redaktion
Allgäu Ausstellung Kempten körperwelten