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Die Allgäu-Kampagne „Dein Glück ruft“ stellt Resonanz als einen von acht Glückswegen in den Mittelpunkt. Der Begriff beschreibt laut Soziologe Hartmut Rosa eine echte Verbindung zur Welt, bei der Menschen sich angesprochen fühlen und darauf reagieren.
Im Gespräch erklären Huskytrainerin Marina Brutscher und Wildnispädagoge Stephan Ehrmann, wie solche Momente in der Natur entstehen können – etwa durch bewusstes Wahrnehmen im Wald oder im Umgang mit Tieren.

Zwischen Dauerbeschallung, digitalen Reizen und beschleunigtem Alltag wird es für viele Menschen zunehmend schwer, echte Verbindung zur Umgebung herzustellen. Genau hier setzt die Allgäu-Kampagne „Dein Glück ruft“ an, die acht sogenannte Glückswege beschreibt – einer davon ist die Resonanz.
Der Begriff stammt vom Soziologen Hartmut Rosa und beschreibt eine Beziehung zur Welt, in der Menschen nicht nur konsumieren oder reagieren, sondern sich wirklich angesprochen fühlen und antworten. Diese Form der Verbindung lässt sich besonders gut in der Natur erleben – etwa im Allgäu, wo Ruhe und Landschaft bewusst Raum für solche Erfahrungen bieten.
Wie Resonanz konkret erfahrbar wird, zeigen Huskytrainerin Marina Brutscher aus Bad Hindelang und Wildnispädagoge Stephan Ehrmann aus Bad Wurzach. Sie arbeiten mit Gästen, die häufig erschöpft und mit dem Smartphone in der Hand ankommen.
Herr Ehrmann, wie würden Sie jemandem Resonanz erklären, der den Begriff noch nie gehört hat?
Stephan Ehrmann: Ich würde gar nicht viel erklären. Ich würde sagen: Setz dich mal zehn Minuten in den Wald. Ohne Kopfhörer. Und dann achte darauf, ab wann du aufhörst, den Wald anzuschauen und anfängst, ihn zu hören. Diesen Moment, wo sich etwas dreht, wo du nicht mehr nur Zuschauer bist, sondern merkst, dass da etwas zurückkommt. Ein Geruch, ein Geräusch, das dich trifft. Hartmut Rosa nennt das eine Antwortbeziehung. Ich nenne es: Der Wald hat dich bemerkt.
Frau Brutscher, erleben Sie so etwas auch bei der Begegnung zwischen Mensch und Tier?
Marina Brutscher: Ständig. Aber es dauert. Die Leute kommen rein, und die ersten fünf Minuten passiert nichts. Die Hunde gucken kurz und drehen ab. Das irritiert. Viele kennen das nicht, dass ein Tier dich erstmal ignoriert. Aber Huskys reagieren auf deine Energie. Kommst du mit Hektik, kriegst du Abstand. Wirst du ruhig, kommen sie irgendwann rüber und legen vielleicht sogar ihre Nase an deine Hand. Und dann sehe ich, wie erwachsene Menschen plötzlich ganz still werden. Das ist Resonanz. Die hat nichts mit Streicheln zu tun.
Was macht die permanente digitale Beschallung mit unserer Fähigkeit, solche Momente überhaupt noch wahrzunehmen?
Stephan Ehrmann: Sie trainiert uns das Gegenteil von Resonanz an. Resonanz braucht Offenheit, eine gewisse Verletzlichkeit. Du musst bereit sein, dich ansprechen zu lassen, ohne zu wissen, was kommt. Unser Alltag funktioniert anders. Wir wischen, klicken, konsumieren. Da ist alles unter Kontrolle. Jeder Reiz ist bestellbar, jederzeit abschaltbar. Im Wald funktioniert das nicht. Der Specht klopft, wann er will. Die Wolke zieht vorbei oder nicht. Diese Unkontrollierbarkeit macht vielen erst Angst. Und dann, irgendwann, macht sie frei.
Marina Brutscher: Was ich beobachte: Die Menschen haben verlernt, Stille auszuhalten. Nicht die Stille im Raum, sondern die innere. Wenn kein Push kommt, kein Ping, kein nächster Punkt auf der Liste. Meine Hunde leben in dieser Stille. Die warten nicht auf das nächste Signal. Die sind einfach da. Und wenn ein Mensch das aushält, neben einem Tier zu stehen und nichts zu tun, passiert mehr, als wenn er eine Stunde über Achtsamkeit liest.
Kann man Resonanz üben oder passiert sie einfach?
Stephan Ehrmann: Beides. Man kann die Bedingungen schaffen. Ich gebe meinen Teilnehmenden eine einfache Übung mit: den Sitzplatz. Such dir draußen einen Ort, der dich anzieht. Geh immer wieder hin. Lass das Handy im Auto. Beim ersten Mal wird wenig passieren. Beim fünften Mal kennst du den Baum vor dir, den Geruch des Bodens, das Licht um diese Uhrzeit. Und dann, beim siebten oder achten Mal, bist du nicht mehr zu Besuch. Du gehörst dazu. Das kann man nicht erzwingen. Aber man kann üben, da zu sein, wenn es passiert.
Marina Brutscher: Ich sag meinen Gästen immer: Geht nicht auf den Hund zu. Wartet. Schaut, wohin er den Kopf dreht, wie er atmet. Die meisten wollen sofort anfassen. Aber Verbindung beginnt mit Hinspüren. Wenn du einem Husky als Gegenüber begegnest und nicht als Streichelobjekt, merkst du plötzlich dich selbst. Deine Schultern. Deinen Atem. Die Tiere spiegeln dich schneller, als du denkst.
Was geben Sie Ihren Gästen mit nach Hause?
Stephan Ehrmann: Eine Frage. Ich sage: Frag dich abends, was hat dich heute angesprochen, und hast du geantwortet? Nicht im Sinne von E-Mail-Antwort. Sondern: Hat dich etwas berührt, und hast du es zugelassen? Wer darauf achtet, findet Resonanz auch am Schreibtisch. Oder im Treppenhaus. Oder beim Blick aus dem Fenster.
Marina Brutscher: Wenn ihr das nächste Mal einem Tier begegnet – eurem eigenen Hund, einer Katze, einem Pferd oder einem Wildtier – dann beobachtet das Tier einfach nur. Schaut, wie es sich bewegt, wie es atmet, was es gerade tut. Und dann horcht in euch rein: Was passiert da eigentlich mit mir? Diese Aufmerksamkeit kostet nichts, das kann jeder, und es verändert so viel. Weil du auf einmal wieder spürst, dass da eine echte Verbindung ist. Nicht nur zwischen dir und dem Tier, sondern auch zu dir selbst.
Resonanz wird so weniger zu einem theoretischen Konzept als zu einer praktischen Erfahrung – eine, die im Allgäu zwischen Bergen, Wäldern und Tieren besonders unmittelbar erfahrbar wird.
Geschrieben von: Niklas Bitzenauer
Allgäu Glückswege Hunde Resonanz Soziologe