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Wenn morgens die kleinen weißen Dienstwagen der Diakonie Allgäu durch Memmingen und die umliegenden Orte fahren, beginnt für viele Menschen ein Stück verlässlicher Alltag. Für viele ist es oft auch der einzige Besuch des Tages. Seit 50 Jahren ist der Häusliche Pflegedienst genau dafür unterwegs: für Menschen, die in ihrem Zuhause bleiben möchten und Unterstützung brauchen.

„Manchmal geht man 15 Jahre oder länger in dasselbe Haus“, erzählt Anita Riedmüller, die seit mehr als 40 Jahren im ambulanten Dienst arbeitet. „Da sieht man Kinder aufwachsen und erlebt Familiengeschichten. Man gehört irgendwie dazu.“ Die 66-Jährige hat selbst zehn Jahre lang ihre Mutter gepflegt. Offiziell ist sie inzwischen im Ruhestand, fährt aber weiterhin als Minijobberin einzelne Touren.
Ein bisschen Sonne im Alltag
Ganz loslassen konnte sie die Arbeit nie. „Ich gehe immer mit dem Gedanken hinein, den Menschen ein bisschen Sonne in den Tag zu bringen“, sagt sie. Viele kleine Momente machen für sie den Beruf aus: ein Dankeschön, wenn sie ein Kissen aufschüttelt, oder ein Lächeln, wenn sie die Haare so frisiert, wie ihre demente Klientin sie immer gerne getragen hat.
Wenn jemand allein ist und niemand außer dem Pflegedienst vorbeikommt, bringt Anita Riedmüller auch mal etwas Persönliches mit, etwa ein paar Tannenzweige zu Weihnachten, ein Büchlein oder Blumen. „Einfach, weil ich es nicht ertragen kann, wenn jemand so allein ist.“
„Wir lieben Menschen“
Auch für Alexandra Horstmann, Leitung der häuslichen Pflege, ist ein ganzheitlicher Blick wichtig. „Wir kommen in die Wohnungen der Menschen. Wir sehen, wie sie leben, wie es ihnen geht“, sagt sie. „Und das beschäftigt uns oft noch lange, nachdem wir die Tür wieder hinter uns geschlossen haben.“
Der ambulante Dienst betreut derzeit rund 200 Klientinnen und Klienten in Memmingen und Umgebung. 35 Mitarbeitende fahren täglich ihre Touren im Früh- und Spätdienst. Manche legen dabei bis zu 70 Kilometer zurück.
Vom Fahrrad zur digitalen Pflege
In fünf Jahrzehnten hat sich die ambulante Pflege stark verändert. Früher wurden Touren an Stecktafeln zusammengestellt, Dokumentationen per Hand geschrieben. Pflegekräfte waren mit dem Fahrrad, dem Motorrad oder dem eigenen Auto unterwegs. Hilfsmittel waren rar, Pflegebetten mussten improvisiert werden – manchmal mit Holzklötzen unter den Füßen.
„Es war körperlich viel anstrengender“, erinnert sich Anita Riedmüller. „Aber Zeitdruck habe ich damals weniger gespürt.“ Früher sei es selbstverständlich gewesen, kurz noch an der Tür zu stehen und ein paar Worte zu wechseln. Heute müsse das parallel passieren, während man einen Verband anlege oder Medikamente gebe.
„Man darf den Menschen aber nie das Gefühl geben, dass man hetzt“, erklärt Anita Riedmüller. „Ich behandle meine Klientinnen und Klienten so, wie ich selbst behandelt werden möchte. Zeit, die mir fehlt, muss ich dann anderswo wieder reinholen.“ Nicht immer einfach, auch wenn digitale Dokumentation, moderne Hilfsmittel und Qualifikationen – etwa in der Wund- oder Palliativversorgung – den Arbeitsalltag erleichtern.
Ambulante Pflege: wichtiger denn je
Trotz aller Fortschritte steht die Pflegebranche vor großen Herausforderungen. „Wir könnten mehr Menschen versorgen, wenn wir mehr Personal hätten“, sagt Alexandra Horstmann. Deshalb bietet der Pflegedienst der Diakonie Allgäu in Memmingen flexible Arbeitsmodelle an, wie spezielle Touren für junge Mütter oder individuelle Teilzeitmodelle.
Gerade heute wird ambulante Pflege immer wichtiger. Familien wohnen oft weiter auseinander, viele Angehörige sind berufstätig. „Für manche Menschen sind wir der einzige regelmäßige Besuch am Tag“, erzählt Alexandra Horstmann. Einsamkeit im Alter nehme zu. Wenn dann jemand zur Tür hereinkomme, bringe das Struktur und Abwechslung in den Tag und für Angehörige die Gewissheit: Da kümmert sich jemand.
So wie Anita Riedmüller wünscht sich die Pflegedienstleiterin politische Veränderungen, insbesondere weniger Bürokratie für Betroffene, und mehr Wertschätzung für die Arbeit in der Pflege. Denn eines steht für sie fest: „Pflege wird oft schlechter dargestellt, als sie ist. Dabei bietet dieser Beruf unglaublich viele Möglichkeiten und vor allem ist er sehr erfüllend.“
Geschrieben von: Leon Dauter
Allgäu diakoniememmingen Jubiläum pflegedienst