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(Bildquelle: Stadt Kempten)
 
Kempten
Donnerstag, 15. Oktober 2015

Betreuung von minderjährigen Flüchtlingen in Kempten

Nicht jeder Flüchtling ist traumatisiert

Herkunftskulturen, Fluchtgründe, Bildungsniveau, Fremdsprachenkenntnisse, psychische Belastung: gemeinsam haben Flüchtlinge nur die Flucht.

Ansonsten sind sie ganz unterschiedliche Menschen. Das wurde bei einer Informationsveranstaltung der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie Josefinum in Kempten deutlich. Thema war der Umgang mit minderjährigen Flüchtlingen, die ohne Familienangehörige nach Deutschland gekommen sind, und mit deren Traumatisierungen. Das Josefinum in Kempten, das zum Gesundheitsnetzwerk der Katholischen Jugendfürsorge gehört, hat in der Arbeit mit diesen jungen Flüchtlingen einige Erfahrungen gesammelt.

"Es ist ein altes Thema, das jetzt an Bedeutung und Brisanz gewonnen hat", sagte Chefärztin Prof. Dr. Michele Noterdaeme bei der Begrüßung; sie erinnerte daran, dass 1979 die ersten jungen Flüchtlinge aus Vietnam und Kambodscha ohne Eltern nach Deutschland kamen. Der Zustrom Minderjähriger ohne Eltern ist übrigens schon seit etwa zwei Jahren zu beobachten. Aus Syrien, das bei der Liste der Herkunftsländer von Flüchtlingen derzeit ganz oben steht, stammen nur wenige von ihnen, dafür sind andere Länder vertreten: Afghanistan, Irak, Mali und Eritrea, aber auch Ägypten oder Pakistan. 

Die Gründe für die Flucht seien völlig unterschiedlich, berichtete Dr. Stefan Thiemann. Wenn man die Hintergründe der Herkunftsländer verstehe werde es auch leichter, tatsächliche psychiatrische Erkrankungen zu erkennen und von einfach ungewöhnlichem Verhalten zu unterscheiden, so Thiemann. Er ist als Berater in Entwicklungsländern aktiv und war in mehreren dieser Länder tätig. Seine Überzeugung ist, dass die meisten der jungen Flüchtlinge nur vorübergehend in Deutschland bleiben wollen, bis sich die Lage im Herkunftsland verbessert hat; in der Zwischenzeit wollten sie hier möglichst viel lernen, um nach der Rückkehr das erworbene Wissen und Können in ihrem Heimatland einzubringen, sagte der promovierte Geograph.

Auf andere Weise hat Diplom-Psychologin Dr. Henrike Zellmann ihre Eindrücke gewonnen. Sie war für die Organisation "Ärzte ohne Grenzen" in verschiedenen Flüchtlingsgebieten tätig und hat dort Einheimische in der Behandlung von Flüchtlingen geschult. Bei den je nach Umfeld sehr verschiedenen Vorstellungen von Krankheit und deren Behandlung hat sie festgestellt: "Das empathische, einfühlsame Zuhören funktioniert in vielen Ländern." Sie hat erlebt, dass in vielen Krisengebieten die Menschen ihr Zuhause verlassen und zuerst in der Region Zuflucht suchen, etwa in Nachbarländern. Erst wenn die Lage auch dort zu unsicher wurde, seien die Menschen in Richtung Europa aufgebrochen.

Nicht jeder Flüchtling ist traumatisiert und muss behandelt werden, sagte Dr. Frank Guderian, Oberarzt am Josefinum in Kempten. Das Verhalten der jungen Flüchtlinge sei manchmal anders als das hiesiger Jugendlicher, aber es seien längst nicht immer psychiatrische Krankheiten die Ursache. "Für mich beginnt eine psychiatrische Krankheit dann, wenn ein Leidensdruck beim Patienten selbst oder im Umfeld besteht", sagte er. "Es ist vielschichtig. Wir lernen daran." Manche der jungen Flüchtlinge könnten schlimme Erlebnisse gut ohne therapeutische Hilfe verarbeiten, wenn sie in einer stabilen, sicheren Umgebung untergebracht seien. Für Guderian ist auch das Essen wichtig, damit könne man ein Stück Heimatgefühl schaffen. So gelte etwa in Afrika Käse als verdorbene Milch und somit als ungenießbar; wenn man dann einem Afrikaner ein Käsebrot vorsetze, fühle dieser sich womöglich gar nicht beschenkt, sondern beleidigt.

Dr. Thiemann kann auf diesem Gebiet vieles beisteuern; er hat etwa erlebt, dass in Afrika quer durch mehrere Staaten und Kulturen Begriffe wie Zeit, Familie und Umwelt völlig anders besetzt seien als in Deutschland. "Bei uns denkt man beim Begriff 'Umwelt' an Trinkwasser und Müll, in Afrika ist Umwelt die Familie."

So gesehen bekommt auch das Wort 'Umweltschutz' eine ganz andere Bedeutung.

 


 
Katholische Jugendfürsorge der Diözese Augsburg e.V. (KJF)

Die Katholische Jugendfürsorge der Diözese Augsburg e.V. (KJF) wurde 1911 gegründet. Sie ist ein Gesundheits- und Sozialdienstleister mit rund 80 Einrichtungen und Diensten im Gebiet zwischen Lindau, Neu-Ulm, Nördlingen, Aichach und Murnau. Dazu gehören unter anderem Angebote der Medizin mit mehreren Kliniken, der Berufsbildung für behinderte und nicht behinderte Jugendliche und Erwachsene mit Berufsbildungswerken und Vermittlungsdiensten, der Kinder- und Jugendhilfe mit Wohngruppen, Tagesstätten, Beratungsstellen und mobilen Diensten sowie mehrere Schulen.
Die rund 4.000 Beschäftigten des Verbandes helfen im Jahr 75.000 Kindern, Jugendlichen und Familien bei Schwierigkeiten und Fragen. Vorstandsvorsitzender der KJF ist Markus Mayer, Vorsitzender des Aufsichtsrates ist Weihbischof em. Josef Grünwald.


Tags:
flüchtlinge minderjährige flucht psychische belastung


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