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Die Unglücksmaschine des tödlich verunglückten Familienvaters
(Bildquelle: Polizei Bayern)
 
Allgäu - Kempten
Montag, 9. September 2013

Hat der Allgäuer Ölflaschen-Mörder zugeschlagen?

Neuer Fall in Oberbayern wirft Fragen auf

Ein möglicher Neufall sowie weitere Altfälle führen zu einer Neubewertung einer Serie von gefährlichen Eingriffen in den Straßenverkehr bei der bisher ein Mensch ums Leben gekommen ist und zwei Personen verletzt worden sind.

Tödlicher Unfall löst Ermittlungen aus
Seit dem 17.04.2011 ermitteln Beamte des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West in dem bisher beispiellosen Fall. An jenem Sonntagnachmittag war auf der Staatsstraße 2013 zwischen Markt Rettenbach und Ottobeuren ein damals 37-jähriger Motorradfahrer auf eine Ölspur geraten und hatte hierdurch die Kontrolle über sein Kraftrad verloren. Im weiteren Verlauf prallte der Mann gegen einen entgegenkommenden Pkw, der von einer damals 60-jährigen Frau gesteuert wurde. Bei dem Unfall erlitt der Mann so schwere Verletzungen, dass er trotz der Bemühungen von Ersthelfern und des alarmierten Rettungsdienstes verstarb. Der Familienvater hinterließ eine Frau und zwei Kinder.

Bereits im Rahmen der Unfallaufnahme wurde festgestellt, dass der unfallursächliche Ölfleck durch eine vorsätzliche Aufbringung entstanden sein dürfte. Noch am Sonntagabend und am folgenden Montagvormittag wurden in der Region unter anderem mit Unterstützung eines Polizeihubschraubers insgesamt 10 Ölflecken, davon drei im Bereich der Unfallstelle, auf verschiedenen Straßen aufgefunden. Aufgrund der Sachlage wurde der Unfall seitens der Staatsanwaltschaft Memmingen als vorsätzliches Tötungsdelikt eingestuft.

Im Rahmen der Untersuchung der damals sichergestellten Spurenträger konnte durch das Bayerische Landeskriminalamt unter den Verschlüssen der Flaschenhälse eine identische DNA Spur gesichert werden. Das aufgefundene DNA Muster weist so viele individualcharakteristische Merkmale auf, dass rechnerisch nur einer von 12 Milliarden Männern ein derartiges Muster aufweisen kann. Da der bereits durchgeführte Abgleich der aufgefundenen DNA Muster mit der DNA-Analyse-Datei beim Bundeskriminalamt Wiesbaden keine Übereinstimmung ergeben hatte, wurde auf Antrag der Staatsanwaltschaft Memmingen durch das Amtsgericht Memmingen die Durchführung einer DNA Reihenuntersuchung angeordnet. Zwischenzeitlich erfolgte bei rund 1.400 Männern eine freiwillige Untersuchung, die in allen Fällen ergebnislos verlief. Auch die Überprüfung von rund 420 anderweitigen Hinweisen oder Spuren führte bisher nicht zu Klärung der Tat.

Im Rahmen der umfangreichen Ermittlungen der zwischenzeitlich bei der Kriminalpolizeiinspektion Kempten angesiedelten EG (Ermittlungsgruppe) Ölfleck deutete sich ab Anfang 2013 an, dass der tödliche Unfall der tragische Höhepunkt einer Serie von Anschlägen sein könnte. Tatsächlich ergaben die weiteren Recherchen etliche weitere Fälle die aufgrund ihrer Begehungsweise mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit dem gleichen Täter zugeordnet werden müssen. Aufgrund weiterer Nachforschungen im polizeilichen Datenbestand sowie durch Abfragen bei Feuerwehren und Straßenmeistereien konnten bisher 8 Fälle dieser Serie zugeordnet werden.

Altfälle die der Serie derzeit zugeordnet werden

  • 06.04.2007 Lkr. Biberach - Bereich Bad Schussenried (BaWü)
  • 29.04.2007 Lkr. Neuburg - Bereich Rennertshofen (BY)
  • 28.10.2007 Lkr. Dillingen a.d. Donau - Bereich Wittislingen (BY)
  • 30.10.2007 Lkr. Freising - Autobahn (BY)
  • 12.04.2008 Lkr. Sigmaringen - Bereich Beuron (BaWü)
  • 21.12.2009 Lkr. Dillingen a.d. Donau - Bereich Höchstädt (BY)
  • 21.03.2010 Lkr. Biberach - Bereich Schwendi (BaWü)
  • 17.04.2011 Lkr. Unterallgäu - Bereich Mark Rettenbach (BY)

Eine Überprüfung der Vorgänge bezüglich des Modus Operandi ergab, dass in jedem dieser Fälle in einem engen räumlichen Zusammenhang mehrere Fahrbahnverunreinigungen durch mit Altöl gefüllte Flaschen geschaffen wurden, die unbeteiligten Verkehrsteilnehmern zum Verhängnis werden konnten. Durch die bekannten Taten kam es bereits zu drei Verkehrsunfällen. Betroffen ist bisher der süddeutsche Bereich und alle Straßenklassen bis hin zur Autobahn.

Neuer Fall in Oberbayern wirft Fragen auf
Aufgrund der Einschätzung des tödlichen Unfalls als Bestandteil einer Serie wurde verstärkt auch darauf geachtet, ob es zu weiteren Taten durch den unbekannten Täter kommt. In diesem Zusammenhang gingen zahlreiche Hinweise auf verdächtige Ölflecken ein, bei denen ein Zusammenhang jedoch durchweg ausgeschlossen werden konnten.

Am 10.03.2013 wurden im Bereich des Landkreis Landsberg am Lech bei Dießen am Ammersee im Rahmen einer Streifenfahrt Fahrbahnverunreinigungen festgestellt, welche die Beamten der Kripo Kempten aufhorchen ließen. Auf der Staatsstraße 2056 in Richtung Dettenschwang waren dabei auf einer Strecke von rund 1,5 km vier Ölflecken aufgefunden worden, welche durch mit einer öligen Substanz gefüllte Glasflaschen verursacht worden waren.

Ölspur mit Flaschenscherben
Während viele äußere Rahmenbedingungen eine Übereinstimmung mit den bisher bekannten Fällen aufweisen, gibt es dennoch signifikante Unterschiede. So ergab eine Analyse, dass es sich nicht um Mineralöl handelte sondern um pflanzliches Öl. Ebenso wurden keine Wein- bzw. Sektflaschen sondern noch mit Etiketten versehene Öl- bzw. Essigflaschen verwendet. Eine abschließende Einschätzung ob es sich um eine bisher ungeklärte Nachahmungstat oder einen neuen Fall der Serie handelt ist derzeit nicht möglich.

Neue Bewertung der Profiler
Aufgrund der Weiterentwicklung des Falles wurden die Spezialisten von der operativen Fallanalyse der Bayerischen Polizei um eine erneute Bewertung gebeten. Während aufgrund der ursprünglichen Erkenntnisse als Motiv eine Abneigung gegen Motorradfahrer im Fokus stand, deuten laut Einschätzung der Profiler die jetzigen Erkenntnisse auf das Bedürfnis einer Machtausübung als Motiv für die Taten hin. Demnach ist wahrscheinlich, dass der Täter versucht sein Selbstwertgefühl durch das Erzeugen von Angst und Verunsicherung (Machtausübung) aufzuwerten. Die Spezialisten gehen davon aus, dass der verwendete Modus Operandi auf einen männlichen Täter hindeuten, der kontrolliert handelt und nur über ein eingeschränktes sozialen Umfeld verfügt, also eher zurückgezogen und eigenbrötlerisch lebt.

Weitere Informationen hierzu sowie einen tiefen Einblick in die bisherige Ermittlungsarbeit gibt eine Spiegel TV Reportage die voraussichtlich am Sonntag 29.09.2013 ab 22:20 Uhr auf RTL ausgestrahlt werden soll.

Zeugenaufruf
Obwohl die Ermittlungen bereits annähernd 2 1/2 Jahre andauern, wurde seitens der Beamten der EG-Ölfleck die Hoffnung und die Anstrengung nicht aufgegeben diesen Kriminalfall lösen zu können. Durch die neuen Erkenntnisse besteht die Hoffnung, dass es weitere Zeugen gibt, die vielleicht einen entscheidenden Hinweis geben können.

Gerade aufgrund der Neubewertung erhoffen sich die Beamten weitere Unterstützung der Bevölkerung um Hinweise auf weitere Fälle bzw. direkte Hinweise auf einen potentiellen Täter zu erhalten, so dass die Tat geklärt werden kann und weitere schwere Unfälle verhindert werden können. Da eine DNA-Spur des vermutlichen Täters vorhanden ist, können benannte Personen ohne großen Ermittlungsaufwand problemlos ausgeschlossen werden.

Hinweise nimmt die Kriminalpolizeiinspektion Kempten unter der Tel.: 0831/9909-0 entgegen.
(PP Schwaben Süd/West)


Tags:
unfall ölfleck ölflaschen fahndung polizei kripo



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