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"Schluss mit dem schwarz-weiß Denken": Die Landwirtschaft braucht Vielfalt
15.04.2013 - 10:44
Ein hochkarätig besetzter Fachkongress der FDP-Bundestagsfraktion am Wochenende im Oberallgäu beschäftigte sich mit landwirtschaftlichen Themen.
"Ohne Alpwirtschaft gibt es keine Talviehhaltung, der Sennalpkäse ist nicht zu trennen vom Industriekäse - und Bio existiert nur, weil andere auch anders Landwirtschaft betreiben." Kreisbäuerin Monika Mayer (Oberallgäu) war es, die beim hochkarätig besetzten Fachkongress der FDP-Bundestagsfraktion im Gasthof Hirsch in Betzigau diese deutlichen Worte fand: "Wir alle können selbstbewusst und stolz auf unser "weißes Gold" sein. Es muss endlich Schluss mit diesem schwarz-weiß Denken sein!" Für FDP-Bundestagspolitiker Stephan Thomae steht dazu außer Frage: „Landwirte brauchen faire Rahmenbedingungen, um den wesentlichen Teil ihres Einkommens am Markt erzielen zu können. Jeder muss seine Nische finden dürfen, um erfolg-reich im Markt zu bestehen!“

„Wandel ist immer nötig“, machte Stephan Thomae in seinem Impulsreferat deutlich. Anhand von Zahlen zeigte er die Entwicklung: 1950 versorgte ein Landwirt noch 10 Personen, heute sind es über 130. Wandel, so war er sich mit seinem FDP-Bundestagskollegen Rainer Erdel einig, bedeute, die Marktstrukturen den Erfordernissen anzupassen. Klima- und Umweltschutz, kulturelle Aspekte, Energiethemen, Tourismus, Globalisierung – all das spiele in die Thematik Landwirtschaft hinein. Erdel: „Wir in der FDP unterscheiden nicht zwischen guten und bösen Landwirten.“

Auf hohem Niveau diskutierten Europaparlamentarierin Britta Reimers, MdB Stephan Thomae und MdB Rainer Erdel zusammen mit Experten aus der Land- und Milchwirtschaft in zwei Themenblöcken den Strukturwandel in der Landwirtschaft und die Zukunft der Milchwirtschaft mit interessiertem Fachpublikum aus ganz Schwaben. „Der Wille ist da, regional zu kaufen. Wir brauchen aber keine Einheitspreise, sondern Alleinstellungsmerkmale“, so Reimers. Dass die Lebensmittel ihren Preis wert sind, bestätigte auch Prof. Dr. Klaus-Dieter Jany, Mitglied des Wissenschaftlichen Ausschusses für Lebensmittelkontaktstoffe, Enzyme und Aromen bei der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit. Er prangerte an, dass die Landwirtschaft die Verbraucher zu wenig informiere. „Vertrauen muss wieder neu aufgebaut werden. “

Eine Aufforderung zu mehr Miteinander richtete Dr. Elisabeth Viechtl, Direktorin an der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft und Leiterin des Referats Milchwirtschaft, an die Molkereien. „Mit dem Schulterschluss zu den Landwirten lässt sich mehr auf dem Exportmarkt bewegen“, war sie sich sicher. Für das Inland stellte sie fest: „Die Hochwertigkeit und Qualität der regionalen Produkte muss besser vermarktet werden.“ Dazu Hans Epp, Vorsitzender des Milchprüfrings Bayern und Vorsitzender des Milchwirtschaftlichen Vereins Allgäu-Schwaben e.V.: „Unsere regionalen Lebensmittel sind ihren Preis wert!“

Alfred Enderle, Bezirkspräsident des Bayerischen Bauernverbandes in Schwaben stellte die Bedeutung einer entsprechenden Finanzausstattung anhand der beiden Säulen in der EU-Agrarpolitik (Direktzahlungen und Fördermittel zur Entwicklung des ländlichen Raumes) dar. Er kritisierte, dass es nicht sein könne, dass Deutschland als „Musterknabe der EU“ durch ein "überzogenes Greening" bestraft werde. Die Landwirte bräuchten wegen der Marktschwankungen ein gewisses „Sicherheitsnetz“ bestehend aus Direktzahlungen und Möglichkeiten wie Intervention sowie Notfallinstrumenten. Für das Allgäu forderte er: „Wir brauchen weiterhin eine Bauförderung für die Landwirte, damit sich unsere Höfe innovativ weiterentwickeln.“ Zudem stellte er eindringlich fest: „Ohne Exporte könnten wir nicht überleben, denn wir produzieren achtmal so viel Milch, wie wir im Allgäu selbst benötigen.“ Seiner Ansicht nach müssen neben regionalen, nationalen, auch internationale Märkte bedient und nicht ausgegrenzt werden. Was für andere Wirtschaftszweige normal ist, dürfe bei uns nicht ständig schlecht geredet werden, so der Bezirkspräsident.

Zwingend notwendig erschien den Anwesenden überdies eine Novellierung der Energiepolitik – beispielsweise für die Solarfeld-Areale links und rechts der A 7. Epp und Bundestagsabgeordneter Erdel waren sich hier einig: „Das wird nie wieder landwirtschaftliche Fläche werden.“ Die Pachtpreise für die Grünflächen würden durch den Zubau durch Solar und Biogas „durch die Decke gehen!“. Das bestätigte Dr. Volker J. Petersen, Political Affairs und Agrargenossenschaften beim Deutschen Raiffeisenverband e.V.: „Die steigenden Pachten für die Flächen einerseits und die Förderungen für diesen neuen Absatzzweig erneuerbare Energien stehen in keinem Verhältnis zueinander.“

Sorgen um die Zukunft äußerte Franz Fleschhut, Landwirt in Betzigau: „Mir fehlt die positive Darstellung unseres Berufes. Natürlich verdienen wir unser Geld. Durch das negative Image treten immer weniger die Nachfolge an.“ Das lasse sich in Betzigau jetzt schon absehen. Reimers: „Es ist tatsächlich die Frage, wie schaffen wir es, den ländlichen Raum für junge Leute als Lebensmittelpunkt attraktiver zu machen.“

Das Resümee des Kongresses, bei dem die Teilnehmer auch noch lange nach dem offiziellen Ende miteinander diskutierten: „Der Austausch mit den Fachverbänden und Landwirten hat den Strukturwandel ins richtige Licht gerückt“, so Thomae. Petersen formulierte es schmunzelnd: „Agrarpolitik ist wieder sexy.“ (pm)

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