Moderator: Thomas Häuslinger
mit Thomas Häuslinger
 
 
Ein Ziel des Bund Naturschutz: Die herrliche Allgäuer Berglandschaft so natürlich wie möglich zu erhalten
(Bildquelle: AllgäuHIT)
 
Oberallgäu - Immenstadt
Dienstag, 30. Juli 2013

100 Jahre Bund Naturschutz

Naturerlebniszentrum wird offizielle Umweltstation

Seit hundert Jahren stellt sich der BUND Naturschutz schützend vor Bayerns Landschaft und seine natürlichen Lebensgrundlagen. In Schwaben hat sich der BUND Naturschutz mit seinen aktuell zehn Kreisgruppen und knapp 25.000 Mitgliedern in den vergangenen 100 Jahren als „grünes Gewissen“ der Region etabliert. Im Rahmen eines großen Festes feierten die schwäbischen Natur- und Umweltschützer ihr Jubiläum rund um das BN-Naturerlebniszentrum Allgäu.

Diese Feier nahm auch Umweltminister Huber auch zum Anlass, dem BN-Naturerlebniszentrum Allgäu die Urkunde zur  staatlichen Anerkennung als Umweltstation zu überreichen. Um dieses Siegel zu bekommen, müssen hohe Qualitätsmerkmale der Umweltbildung eingehalten werden.

Dazu der Landesvorsitzende Prof. Dr. Hubert Weiger: „In Schwaben hat der  Naturschutz eine lange und durchaus bewegte Geschichte. 1913 waren zwar schon extreme Folgen der Industrialisierung Schwabens wie Flussbegradigungen und-verbauungen, neue Straßentrassen oder Industriebauten sichtbar, es gab aber noch keine Umweltschutzinstitution und der Fortschrittsglaube an technische Lösungen war ungebrochen. Die Gründung des Bund Naturschutz war damals überfällig. Heute haben wir in Schwaben allein im BN knapp 25.000 Mitglieder und bilden zusammen mit anderen Verbänden und Initiativen eine unüberhörbare Umweltbewegung. Wir alle brauchen sie angesichts des fortschreitenden Raubbaues an Rohstoffen, der Vergiftung unserer Böden mit Pestiziden, des fortschreitenden Flächenverbrauches und des Klimawandels. Sie ist sogar nötiger denn je angesichts der vor uns stehenden Aufgabe, eine nachhaltig umweltgerechte Entwicklung durchzusetzen.“

Bereits in den 1920er Jahren war der Bund Naturschutz mit Bezirksgruppen in ganz Schwaben aktiv. So verfasste der damalige Vorsitzende der BN-Bezirksgruppe Kempten Max Förderreuther eines der Standardwerke über die Natur der Allgäuer Alpen. Die Lindauer Bezirksgruppesetzte sich massiv für die Freihaltung des Bodenseeufers vor Bebauung ein und in ganz Schwaben wurden alte Bäume kartiert und auf Anregung der Bezirksgruppen unter Schutz gestellt.

Auch in der Umweltbildung war der Bund Naturschutz seit seiner Gründung aktiv. Bereits in den 20er Jahren wurden zahlreiche Exkursionen in die ersten Schutzgebiete, wie das Ammergebirge, das erste Naturschutzgebiet Schwabens, oder andere wertvolle Naturlandschaften durchgeführt. In vielen Kreisgruppen entwickelte sich ab den 1970er Jahren wieder ein umfangreiches Umweltbildungsprogramm für alt und jung. Die vorläufige Krönung der Umweltbildungsaktivitäten des BN in Schwaben ist die Anerkennung des BN-Naturerlebniszentrums Allgäu (NEZ) im Alpseehaus als Umweltstation durch das bayerische Umweltministerium. Bereits im ersten Jahre nach der Aufnahme der Arbeit im Frühjahr 2012 konnten über 8000 Personen an über 350 Veranstaltungen des NEZ teilnehmen. Das NEZ engagiert sich in Zusammenarbeit mit vielen Partnern allgäuweit dafür, das Umweltbewusstsein  von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen durch Umweltbildungsmaßnahmen und Naturerlebnisaktivitäten zu stärken und einen umweltverträglichen und nachhaltigen Tourismus zu fördern.

 Ebenso hatte der Moorschutz zu Beginn des 20. Jahrhunderts seine Anfänge. U.a. auf Anregung des Bund Naturschutz wurden erste Moorschutzgebiete ausgewiesen. Viele der Moorschutzgebiete aus den 20er Jahren, wie Teilbereiche der Sulzschneider Forste oder des Kemptener Waldes sind heute die letzten noch verbliebenen naturnahen Hochmoorflächen, die nicht abgetorft wurden.  In den 1970er Jahren begann dann wieder neuerliche Moorschutzaktivtäten des BN mit dem Schwerpunkt Moorrenaturierung und Flächenankauf. Der Bund Naturschutz freut sich, dass durch die Allgäuer Moorallianz nun auch wieder staatliche Institutionen den Moorschutz und die Moorrenaturierung vorantreiben.

In den 70er und 80er Jahren begann dann der Kampf gegen umweltzerstörerische Gewerbe- und Industrieprojekte. Das Donauried als kaum besiedelter Landstrich zwischen Dillingen und Donauwörth weckte so manche Begehrlichkeit im Laufe der Geschichte. Nachdem die Ideen für einen Bombenabwurfplatz aufgegeben waren, sollte in den 1970er Jahren dort die Teststrecke für eine Magnetschwerbebahn (später: Transrapid) und danach  ein Atomkraftwerk errichtet werden. Dank des Einsatzes der Bevölkerung und des Bund Naturschutz  wurden beide Vorhaben aufgegeben. Heute prangt dort ein Feldkreuz mit der Aufschrift: „Herr, schenk Du Fried / dem Donauried / und schütz‘ dies Land / vor Unverstand“. Einige Kilometer südlich, in Gundremmingen, steht bis heute Deutschlands größtes Atomkraftwerk. Hier halfen bisher alle Demonstrationen und gerichtlichen Klagen nichts, die der Bund Naturschutz, seine Mitglieder und befreundete Bürgerinitiativen angestrengt haben.

Ein großes Thema in den 80er und 90er Jahren war die Müllverbrennung. Zwar stehen heute in Augsburg und Kempten die damals stark bekämpften Müllverbrennungsanlagen. Doch wurde dank des Protests der Umweltschützer die Rauchgasreinigung stark verbessert. Und das vom BN mitangestrengte Bürgerbegehren „Das bessere Müllkonzept“ hat dazu geführt, dass bayernweit 17 Müllverbrennungsanlagen überflüssig wurden weil die vom BN initiierte Trennungsverpflichtung der Abfälle eine Abfallvermeidungs- und -verwertungsquote von 80% in Bayern den Restmüll stark reduzierte.  In Schwaben wurden so beispielsweise die geplanten Anlagen in Lauingen und Buchloe/Pforzen aufgegeben. In Ettringen im Unterallgäu musste der BN erst zusammen mit einer Bürgerinitiative klagen, bevor die dort geplante Ersatzbrennstoff-Müllverbrennungsanlage 2011 aufgegeben wurde.

Die Straßenbauorgien der bayerischen Staatsregierung aktivierten und aktivieren auch heute noch viele BN-Mitglieder.  Den Bau der A96 oder A7 konnte der BN leider trotz Jahrelanger intensiver Auseinandersetzungen nicht verhindern. Bei der B19 südlich von Kempten konnte zumindest nach jahrelangem Kampf des BN eine etwas verträgliche Trassenvariante gefunden werden. Ein großer Erfolg war die Aufgabe der Pläne für die Voralpenautobahn A98, die von Lindau über Kempten, den Kemptener Wald, Rosshaupten an der Wieskirche vorbei Richtung Penzberg/Irschenberg hätte führen sollen. Als Mahnmal verkehrspolitischen Irrsinns steht heute noch die A 980 von Kempten nach Weitnau in der Landschaft und zerschneidet dort ein wertvolles Naturschutzgebiet. Positive Signale kommen in den letzten Jahren von zahlreichen Bürgerentscheiden zu unnötigen Umgehungsstraßen, die der BN Jahrelang bekämpft hatte. So beendeten die Bürger beispielsweise die Umgehungsstraßenbaupläne in Buttenwiesen (Kreis Dillingen) und Immenstadt.

Der BN engagierte sich über die letzten 100 Jahre gegen eine weitgehende Kanalisierung und Aufstauung der schwäbischen Flüsse wie Donau, Iller, Wertach und Lech. Viele Planungen wurden trotzdem durchgeführt. Heute müssen die Fehler von damals mit Millionenaufwand wieder beseitigt werden. Trotzdem sind es gut eingesetzte Gelder, wenn Deiche zurückversetzt werden und der Natur wieder mehr Raum gegeben wird. Wie beim jetzt anlaufenden Projekt Licca Liber am Lech setzte sich der BN über Jahre für Flussrenaturierungen ein.

Die Basisarbeit der Ortsgruppen besteht seit Jahrzehnten meist aus Natur- und Artenschutzprojekten vor Ort, wie dem Amphibienschutz im Frühjahr oder die Pflege von wertvollen Grundstücken. Seit den 1970er Jahren kauft der Bund Naturschutz Biotopgrundstücke in Schwaben an. Die ersten u.a. 1972  im Bereich des Donauriedes zwischen Donauwörth und Dillingen, wo sich auch aus dem Widerstand gegen die o.g. Planungen von Magnetschwebebahn und Atomkraftwerk das größte schwäbische  Naturschutzprojekte des BN im Bereich der Mertinger Höll entwickelt hat. Heute gehören dort dem BN dort bereits über 130 ha Land, die für den Naturschutz gesichert sind. Insgesamt haben die schwäbischen BN-Kreisgruppen in den letzten 40 Jahren ca. 500 ha Naturschutzflächen gekauft oder gepachtet, die auch regelmäßig gepflegt werden.

 „Damit wir weiterhin unabhängig und offen unsere fachlichen Positionen durchsetzen können, brauchen wir auch künftig viele Mitglieder. Wir finanzieren uns allein aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden. Dies ist unsere Stärke und die Basis unserer Glaubwürdigkeit“, so BN-Landesbeauftragter Richard Mergner.  „Als Anwalt der Natur sind wir eine fachliche und überparteiliche Organisation. Unsere Vorgaben liefern die Naturgesetze und unsere Grundeinstellungen zu Demokratie, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit.“

BN-Chef Weiger bedauert: „Leider sind wir noch lange nicht in einer nachhaltig umweltgerechten Gesellschaft angekommen. Noch immer treiben wir unglaublichen Raubbau an Natur und Landschaft, versiegeln Böden als hätten wir noch eine zweite Welt irgendwo, belasten fruchtbaren Boden und Grundwasser mit Agrochemikalien und sorgen für ein Artensterben in ungeheurer Geschwindigkeit. ‚Gut leben statt viel haben’ ist unser Gegenmodell, für das wir auch künftig kämpfen werden“, so Weiger.


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bund naturschutz jubiläum allgäu



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