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Ein Stück bewohnbare Geschichte: Allgäuer Bauernhäuser
(Bildquelle: fotolia.com © Adrian72 )
 
Allgäu
Donnerstag, 7. Juni 2018
Ein Stück bewohnbare Geschichte
Allgäuer Bauernhäuser

Egal durch welche Ecke des Allgäus man fährt, sie sind unübersehbar, die klassischen Gehöfte. Oftmals aufwendig saniert mit Zimmervermietung, manchmal auch nur als üppiges Privatdomizil und in seltenen Fällen auch in eher traurigem, unbewohntem Zustand sind sie immer ein großer und spannender Batzen Allgäuer Geschichte.

Jede Region Deutschlands hat über die Jahrhunderte ihre eigenen Baustile entwickelt, die sich ganz besonders in landwirtschaftlichen Gebäuden ausdrücken. In Nord- und Mitteldeutschland ist es der klassische Dreiseitenhof: Links das Wohnhaus, hinten die Scheune, rechts ein Gebäude für das Gesinde, eine typische U-Form. Doch je weiter man südlich kommt, desto stärker weichen die Bauformen davon ab – bis man vor einem absolut genuin süddeutschen Gehöft steht, dem Allgäuer Hof. Diese Bauform hat nicht nur eine jahrhundertealte Geschichte, sondern fasziniert auch heute noch die Architekten wie Bewohner und spornt sie zu kreativer Höchstleistung an. Folgen Sie uns auf den Spuren dieser einzigartigen Immobilien.

Ein wenig Architektur
Natürlich kann man keinen Artikel über diese wunderschönen Gebäude schreiben, die leider immer wieder ein Raub der Flammen werden, ohne tiefer auf ihre architektonischen Feinheiten einzugehen. Und diese beginnen mit einer Erklärung: „Das“ Allgäuer Bauernhaus gibt es eigentlich nicht. Dazu ist die Region insgesamt zu weitläufig und landschaftlich divers. Mit der Folge, dass sich im Lauf der Jahrhunderte eine Reihe unterschiedlicher Stile herausprägten, die jedoch beinahe alle auf einen architektonischen Mittelpunkt zusteuern, den sogenannten Eindachhof oder Einfirsthof.

Der Name ist Programm. Der gesamte Hof besteht aus einem einzigen Gebäude, in dem sich traditionell alles, was zu einem Bauernhof gehört, unter „einem Dach“ befand. Es gibt also nur einen Dachfirst (der obere, querliegende Balken, also der höchste Punkt des Daches). Die Gründe dafür sind vielfältig. Einer ist der, dass insgesamt weniger Konstruktionsaufwand zu betreiben war und der Hof insgesamt einen kleineren Fußabdruck als ein solcher mit mehreren Gebäuden hatte. Und: Die Wege des bäuerlichen Alltags wurden kurzgehalten. Selbst bei wirklich starkem Schneefall war es problemlos möglich, die Tiere zu versorgen, an Werkzeuge zu gelangen.

Und obwohl es diese Gebäude, abhängig vom Reichtum ihrer Bewohner, in unterschiedlichsten Größen gab (und gibt), so ist doch das, was man landläufig als Allgäuer Hof versteht, ein wahrhaft großes architektonisches Monument. Schon die reine Grundfläche beträgt leicht 200 Quadratmeter und mehr. Zwei Geschosse in Vollhöhe sowie ein äußerst großzügig ausgebautes Dachgeschoss kommen noch mindestens hinzu – je nach Lage mit den typisch süddeutschen, nicht minder gigantischen Balkonen an jedem Stockwerk.

Dabei muss aber unterstrichen werden: die Größe ist kein Pomp und war auch nicht (nur) notwendig, weil die früheren Erbauer mit einer so umfangreichen Familie gesegnet waren. Sie ist einfach der Tatsache geschuldet, dass sich hier alles, was zum bäuerlichen Leben notwendig war, in einem Gebäude befand – inklusive der Stallungen, die meist einen Großteil nicht nur des Erdgeschosses beherrschten.

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Allgäuer Bauernhäuser
 
         

Holz oder Stein?
Doch hinter dem Einfirsthof beginnt die Aufteilung auch schon wieder. Denn die Diversifizierung fängt schon beim Baumaterial an. Hier unterscheidet der Fachmann mehrere Sorten:

  • Komplett gemauerte Höfe aus (Bruch-)Stein
  • Höfe ganz oder in den oberen Stockwerken aus Fachwerk bestehend und hier vor allem das sogenannte alemannische Fachwerk, welches im gesamten süddeutschen Raum verbreitet ist.
  • Höfe, die ganz (selten) oder in den oberen Stockwerken aus simplen Ständerkonstruktionen bestehen, die mit Holz verkleidet sind.

Ausschlaggebend was wo zum Einsatz kam, war vor allem die Finanzlage des Bauherrn, die regionalen Bedingungen selbst sowie die damalige Rohstofflage – denn nicht selten sind die Bauernhäuser weit über hundert Jahre alt.

Einfach lossanieren?
Der Milchpreis ist im Keller, Subventionen sind in Gefahr. Und obschon Politiker die Allgäuer Bauern beruhigen, ist es doch nicht von der Hand zu weisen, dass eine Menge Gehöfte bereits jetzt leer stehen oder nur noch bewohnt statt bewirtschaftet werden.

Es ist also durchaus möglich, aus einer recht üppigen Auswahl von Gebäuden eines auszuwählen, es zu kaufen mit dem Plan, sich auf der riesigen Wohnfläche so richtig ausbreiten zu können – nicht wenige tun das. Allerdings: Die Häuser sind begehrt. Was heute als saniertes Objekt auf dem Markt ist, wechselt kaum für unter 500.000 Euro den Besitzer. In besonders schönen Lagen peilt man auch schnell die Millionen an.

Was sich preislich in „normalverbrauchertauglicheren“ Regionen befindet, ist entweder wesentlich kleiner oder aber wartet mit einer Unmenge an Sanierungsarbeiten auf. Bis ein Haus ein echtes Sanier-Sahnestück wird, gibt man leicht mindestens nochmal die Kaufsumme aus. Das soll nicht abschrecken, ist aber leider Realität.

Hinzu kommt:

  • Schon aufgrund des Alters und der besonderen Bauweise ist es unabdingbar, sich einen echten Spezialisten ins Boot zu nehmen, der die Leitung übernimmt. Ein solcher Hof sollte schon aus Respekt vor der Bausubstanz nicht von „irgendwem“ saniert werden, sondern einem Architekten, der trotz Modernisierung versteht, den Charakter zu erhalten.
  • Die Gebäude liegen oftmals recht abgelegen, teilweise auch in gebirgig-unzugänglichen Regionen. Das kann die Arbeiten zusätzlich verteuern.
  • Nicht selten wurde das Gebäude von den bayerischen oder baden-württembergischen Behörden zum Denkmal erkoren. Das schränkt die konstruktive Freiheit beinahe auf null ein, weil nichts verändert werden darf, was den Charakter des Hofes gefährdet.
  • Je älter das Gebäude, desto niedriger werden innen die Deckenhöhen sein. Im Gegensatz zu Wänden lassen sich diese aber nur durch ungleich mehr Aufwand abändern.

Zudem muss man der gewaltigen Fläche buchstäblich Rechnung tragen. Um es kurz zu sagen: Wer glaubt, dass er die mehreren hundert Quadratmeter auf herkömmliche Weise beheizen kann, der wird über diesen Irrglauben sein Portemonnaie leeren. Denn die Winter im Allgäu können lang und kalt sein. Beinahe Pflicht ist es deshalb, die südliche Lage und großen Dachflächen auszunutzen, um sich die einzige im Betrieb praktisch kostenlose Heizform ins Haus zu holen, Solarthermie. Nur durch deren Kollektoren, deren Inhalt durch die Sonne erwärmt wird, wird es möglich, auch als Einzelfamilie, die den Hof nicht bewirtschaftet, diesen trotzdem optimal zu beheizen, ohne dass die Kosten ins Uferlose steigen. Doch eine so umfassende Solarthermie-Anlage ist, erst recht in Kombination mit der verpflichtenden Dachdämmung, schwer. Vielleicht zu schwer selbst für auf süddeutsche Schneemassen eingerichtete, aber eben uralte Dachbalken. Es kann also mitunter notwendig sein, auch den Dachstuhl komplett zu erneuern.

Leben im Bauerntraum
Der Allgäuer Bauernhof ist also vor allem etwas für Liebhaber, die nicht irgendein altes Gebäude suchen, sondern etwas ganz Besonderes. Und auch wenn die Sache sehr teuer sein kann, bekommt man vieles zurück. Es beginnt schon damit, dass das Verhältnis von Wohnfläche zu Preis trotzdem konkurrenzlos niedrig ist. Ein Neubau mit einer so gigantischen Fläche würde ein Vielfaches davon kosten.

Hinzu kommt, dass ein solcher Hof selbst nach einer sehr umfangreichen Sanierung aus jeder Faser den Hauch der Vergangenheit verströmt. Die Räume sind riesig, es bestimmen Naturmaterialien das gesamte Bild. Und selbst für eine Familie, die nicht nur mehr als drei Kinder besitzt, sondern auch noch die Großeltern dort wohnen lässt, wird es niemals so etwas wie drangvolle Enge geben. Jeder hat seinen Rückzugsbereich und trotzdem gibt es großzügig geschnittene Gemeinschaftsräume – je nach Gebäude übersteigt schon die gemeinsame Fläche von Küche und Wohnzimmer die Gesamtfläche so manches Einfamilien-Neubaus.

Und: Diese unglaubliche Ruhe. Natürlich liegt nicht jedes Bauernhaus im Allgäu fernab von jeder Siedlung. Aber ländlich liegen sie alle – natürlich auch mit sämtlichen Vor- und Nachteilen, die sich daraus ergeben. Wohl kaum ein Besitzer hat jemals die Ruhe bereut, die das mit sich bringt. Die kalten Winternächte, wenn die Luft vor Schneekristallen glitzert und innen ein behagliches Kaminfeuer knistert.

Wahrlich: Ein solcher Hof ist nichts für jedermann. Aber wer ihn zu schätzen weiß, lebt in einem echten Traum von Gebäude, das es so in Deutschland nirgendwo anders gibt. Ein echtes Stück Allgäu.

Der Artikel entstand in freundlicher Zusammenarbeit mit Daniel Feldmann. Der gebürtige Bochumer kam wie die meisten über den Urlaub ins Allgäu. Nach Architekturstudium lebt er nun hier und widmet sich in der Freizeit den architektonischen Feinheiten der Alpenregion.


Tags:
bauernhäuser allgäu wohnen geschichte



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